Gedanken zur Wies

(Verfasst von Monika Kramkowski im Januar 2009, Steingaden-Lindegg)

In all ihrer Kunst und Pracht war und ist die Wieskirche bis heute untrennbar verbunden mit dem ländlich-bäuerlichen Leben und der Natur. Welch ein Kontrast und zugleich welch innere  Harmonie!

 

 

Fast wie einst so steht auch heute noch die Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland einsam gelegen im kleinen Weiler Wies inmitten einer wunderbaren Kulturlandschaft. Kleinbäuerliche Familienbetriebe, pflegen und bewirtschaften die Wälder und Wiesen. Als Tierärztin in der Großtierpraxis darf ich es immer wieder erleben: Trotz allem Ruf nach immer billiger, immer mehr und immer größer konnten sich hier die Bauern noch weitestgehend eine tiefe innere Verbundenheit zu ihrem Land wie auch zu ihren Tieren nicht nur als Nutztiere, sondern auch als Mitgeschöpfe des Menschen bewahren.  Die hier im Pfaffenwinkel, im ehemaligen Land der Klöster lebenden Menschen sind bei aller moderner Lebensweise spürbar verwurzelt in ihrem christlichen Glauben, ihrer Tradition und ihrer inneren Wertehaltung.

 

 

Der Bauernstand, in der Gesellschaft von heute immer mehr an den Rand gedrängt und vielfach auch gering geschätzt, war, ist und bleibt tragendes Fundament aller menschlichen Kultur. In dem Maße wie sich der zivilisierte Mensch innerlich vom bäuerlichen Leben entfernt, in dem Maße entfernt er sich zugleich vom Ursprung seiner Lebensmittel und auch von seiner eigenen stammesgeschichtlichen Entwicklung die über Jahrtausende geprägt war vom bäuerlichen Leben und einer engen Verbindung zur Natur. Allgemein bekannt, aber oft viel zu wenig bewusst: Über den Körper, der Luft zum Atmen, Wasser und  Nahrung sowie die Sonne braucht um leben zu können ist der Mensch, ob arm oder reich direkt oder indirekt mit den Bauern und darüber hinaus der Mikrokosmos Mensch für immer untrennbar mit dem Makrokosmos verbunden. So wie der Mensch mit der Schöpfung, die ihm von Gott anvertraut ist umgeht, so wird sie letztlich auf ihn selber wieder zurückwirken. In heilsamer oder krankmachender Weise.

Die erste christliche Wallfahrtsstätte des Neuen Testamentes war nicht ein Tempel und nicht ein Palast, sondern ein Stall vor den Toren Bethlehems. Dort wurde Gottes Sohn geboren und lag in Windeln gewickelt in einer Futterkrippe für Tiere. Immer wieder entnahm Jesus später Gleichnisse der Natur und dem bäuerlichen Leben. Säen, Wachsen, Blühen, Reifen, Fruchttragen und Absterben sind im Rhythmus der Jahreszeiten wiederkehrende sichtbare Geschehnisse in der Natur, die darüber hinaus auf die unsichtbare spirituelle Dimensionen verweisen. Wem diese natürlichen Vorgänge immer fremder werden verliert auch einen wesentlichen Zugang zum christlichen Glauben. Die uns von Jesus in der Nacht vor seinem Leiden aufgetragene Feier des Herrenmahls, das Geheimnis der Hl. Eucharistie wird in der christlichen Kirche für immer vollzogen in den sichtbaren, seit alters her geheiligten Symbolen von Brot und Wein. Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit wie es im Hochgebet heißt. Jesus gibt sich selber hin als Speise. Im Vollzug dieses Sakramentes sind Schöpfung, Mensch und Gott in seiner Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist in einem bleibenden Mysterium verbunden.

Als Auferstandener gibt Jesus darüber hinaus allen elf Jüngern den Auftrag: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ Leben und Erlösungswerk Jesu, sein Leiden, sein Tod und seine Auferstehung gelten nicht nur dem Menschen sondern der ganzen Schöpfung. Der Mensch ist selber Teil der Natur und durch die Menschwerdung Jesu hat der dreifaltige Gott selber in Jesus körperlichen Anteil daran genommen. Nur dort, wo sich der Mensch in seiner eigenen Ganzheitlichkeit hineingestellt weiß in die noch viel größere Dreiheit von Mensch, Gott und Schöpfung wird er wirklich selber heil werden und wird auch die ganze Schöpfung Heilung finden.

Zwar nicht im Stall, aber nicht weit davon entfernt in einer Bauernstube begann die Wies-Wallfahrt. Bald nachdem die einfache, tief gläubige Bäuerin Maria Lori das Bildnis der ausrangierten, schäbigen an die Geißelsäule geketteten Jesusfigur von Steingaden zu sich auf den Bauernhof im einsamen Weiler Wiß geholt hatte, nahm sie während ihrer Andacht in dessen Antlitz Tränen wahr. In der Folge ereigneten sich dann immer mehr Gebetserhörungen. Eingedenk der einstigen Vision des Ordensbegründers (dazu mehr unter dem Link Geschichte), sowie im Wissen um die heilende Kraft duftender und bunter Felder für Mensch und Tier wurde das Heilung bewirkende Bildnis des Gegeißelten Heilandes verstanden als ‚wunderbare, neu entsprossene Gnaden-Blum auf der Wiß’. In diesem Sinne wurde das für und um das Gnadenbild herum prächtig 'komponierte' Gotteshaus auf der Anhöhe inmitten der nahen Wiese errichtet. Im Verständnis der damaligen Menschen war somit von Beginn der Wallfahrt nicht nur das Gnadenbild selber, sondern später auch die Wallfahrtskirche aufs engste verbunden mit der Wiese und damit der Natur. Auch heute noch umgeben Wiesen dieses Gotteshaus. Dort grasen nicht nur Rinder und Pferde sondern sammeln auch Bienen Blütenpollen. Im alttestamentlichen Sinne umgibt ein ‚Gelobtes Land’ in dem Milch und Honig fließen die prächtige Wallfahrtskirche.

 

 

 

 

Im Innenraum der Wieskirche ist ein tief berührender Vierklang von Kunst, Theologie, Musik und Licht spürbar. Aber nicht nur dort, sondern auch im direkt angrenzenden natürlichen Umfeld kann der Besucher ein Stück Himmel auf Erden erfahren. Deshalb wurde nicht nur das Gotteshaus selber, sondern über all die Jahrhunderte hinweg auch immer wieder die besondere Lage geradezu poetisch beschrieben. Ohne die einsame Umgebung hätte dieser Wallfahrtsort wohl nicht seine heutige Strahlkraft erlangt.

Die ursprüngliche Gnadenfigur steht in einer Nische über dem Hochaltar und ist noch immer wahre, innere Mitte der Wieskirche. Geometrische Raummitte ist die Herzwunde des auf dem Regenbogen sitzenden, wiederkehrenden Christus im Deckenfresko des Kirchenschiffes. Die Licht erfüllte 'Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies' hat eine großartige Theologie von Leiden, Tod,  Auferstehung und Wiederkehr des Herrn sowie von Heilung des Menschen an Körper, Geist und Seele durch Christus. In den Fresken im Umgang des Kirchenschiffes und im Chorraum finden sich biblische Heilungsszenen. Sündig gewordene und kranke Menschen erfahren durch Jesus Umkehr und Heilung. Umkehr und Heilung auf verschiedenster Ebene durften Wallfahrer all die Jahrhunderte über auch immer wieder hautnah an sich selber erleben. Körper, Geist und Seele wieder neu als harmonische Einheit zu spüren entspricht der großen Sehnsucht des modernen Menschen. Hier gibt die Wieskirche zeitlose urchristliche Antworten. Im Innenraum der Kirche steht der Mensch selber, damit letztlich auch jede/r Besucher/in in der heilsamen Beziehung zu Christus im Vordergrund. Draußen vor dem Portal fügt sich in die spürbare 'Liebesbeziehung Gottes zum Menschen' in sich stimmig als drittes Element noch die umgebende Natur ein. Ein Stück paradiesischer Harmonie von Gott, Mensch und Schöpfung ist am Wallfahrtsort Wies immer wieder in besonderer Weise erfahrbar und will wohl auch hinausgetragen werden in alle Welt. Gestern, heute und morgen.

Das was die große Heilige unserer Tage, die Ärztin, Naturheilkundige und Visionärin Hildegard von Bingen bereits Mitte des 12. Jahrhundert, in der Zeit der Gründung des Klosters in Steingaden geschaut hat ist heute schon vielfach zu einer beängstigenden Realität geworden: verpestete Luft, Vergiftung von Wasser und Erde, Klimaschwankungen, Ausbeutung der Tiere  und vieles mehr. Das Thema 'Bewahrung der Schöpfung' ist inzwischen zu einer riesigen weltweiten Herausforderung geworden. Nicht im Gegeneinander, sondern nur im leitenden und einenden Geist Gottes wird dieses komplexe, vielfach miteinander verknotete Problem zu lösen sein! Nicht durch menschliche Macht und Kraft wird es gelingen sondern durch Gottes Geist!

Die Wies ist eine Oase in spürbarem Dreiklang Gott, Mensch und Schöpfung von der Umkehr und Heilung, sowie Kraft, Mut und Orientierung für ein vielfältiges fruchtbares Wirken draußen im Alltag vor Ort auszugehen vermag. Die Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies, strahlt heute als UNESCO Weltkulturerbe hinaus in die Welt. Vielleicht kann und soll sie so im Sinne einer Kreise ziehenden dynamischen Spirale für unsere Tage und auf die Zukunft hin zu einem energetischen Zentrum für eine neue Wallfahrt werden. Einer christlichen Wallfahrtsbewegung in dem äußerst schwierigen, weltweiten Anliegen 'Bewahrung der Schöpfung'. Eines komplexen Problems, das uns alle angeht und in besonderer Weise Gottes Hilfe und Seines Segens für unser Handeln bedarf!

Viele Gebetserhörungen sind seit über 250 Jahren von diesem Kraft- und Gnadenort ausgegangen. Legen wir unsere Sorgen und Nöte, unsere Hand mit unseren Fesseln vertrauensvoll in Gottes heilende Hand! Gottes Hand - in der Wieskirche sichtbar geworden in der uns allen, die wir uns bedürftig fühlen, entgegen gestreckten Hand des Gegeißelten Heilandes. Gottes Hand, die auch heute noch das Füllhorn der Gnade und des Segens über diesem Wallfahrtsort ausgießen will. 

 

Mit allen Sinnen erfahrbare Schöpfungsspiritualität vermitteln will der auf Ganzheitlichkeit ausgerichtete neue Klostergarten St. Johannes im nahen Steingaden. Der in einer großen Gemeinschaftsaktion aus dem Dorf heraus gewachsene Klostergarten mit Heil-, Nutz- und Symbolpflanzen, Pflanzen der Bibel, duftenden Kräutern und Blumen, darunter auch Wiesenblumen sowie einem zentralen gotischen Labyrinth steht in enger innerer Verbindung mit der ‚wunderbaren Gnaden-Blum’.  Für den Pilger oder Wallfahrer der Wieskirche lohnt sich auch ein Weg in diesen Garten, direkt neben dem altehrwürdigen Welfenmünster, der ehemaligen Klosterkirche mit noch teilweise erhaltenem Kreuzgang gelegen. Dort liegt der Ursprung des Gnadenbildes der Wies.