Das Gnadenbild des Gegeißelten Heilandes auf der Wies,
Ursprung der Wallfahrt und Mitte der Wieskirche

 

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Liebe Besucher der Wieskirche!

Wer zum ersten Mal in seinem Leben in die Wies kommt und noch nichts Näheres über diese Kirche weiß, stellt sich verwundert die Frage, welcher Anlaß es wohl gewesen sein mag, in einer so einsamen Gegend ein so ungewöhnlich prachtvolles Gotteshaus zu errichten.

In der Tat hat sich hier Außergewöhnliches in mehrerlei Hinsicht ereignet: Tränen, ein urmenschliches Phänomen, sind hier gleichsam zu geistigen Bausteinen, zu kostbaren Perlen geworden, aus denen das weltberühmte Rokokojuwel, die Wieskirche, erstand. Sie wurde zum Ort der Verehrung des Gegeißelten Heilandes im 18. Jahrhundert, schon damals europaweit bekannt und als Kleinod barocker Baukunst gerühmt.

Aus diesen beiden Quellen - ihrem geistlichen wie künstlerischen Reichtum - lebt die Wies bis heute: Sie ist seit ihrer Entstehung Wallfahrtsstätte, Ort des Gebetes und der Gottesverehrung geblieben und ist zugleich magischer Anziehungspunkt für Millionen Besucher in unseren Tagen, die in der Begegnung mit dem lebens- und hoffnungsfrohen Barock eine Welt erahnen, von der schon der Schriftsteller Peter Dörfler in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts berührt wurde: 'Die Wies ist ein Stück Himmel auf dieser leidvollen Erde.'

Im Jahr 2008 gedenkt die Wieskirche der 270.Wiederkehr der Übertragung des 'Gegeißelten Heilandes' vom Prämonstratenser- Kloster Steingaden in die Wiß wie auch des Tränenwunders. In einem kurzen geschichtlichen Rückblick werden einige bisher getrennte mehr oder weniger bekannte Ereignisse in direkte chronologische Reihenfolge gesetzt. Ein innerer Zusammenhang lässt sich vielleicht in diesen lang vergangenen Begebenheiten erkennen der auch heute noch von Bedeutung sein kann.

Rückblick

Eine Verkettung von Ereignissen über 9 Jahrhunderte hinweg führte ausgehend von Norbert von Xanten über die Gründung des Prämonstratenser-Ordens  in Prémontré nach Steingaden und von dort in die Wiß:

Norbert von Xanten, geboren um 1080 in einer vornehmen Familie mit vielen Beziehungen zum Hochadel, wurde 1115 vom Gewitter überrascht. In einem Bekehrungserlebnis ähnlich dem des Apostels Paulus schleuderte ihn ein Blitz vom Pferd und halb betört hörte er die Frage 'Norberte, quo vadis?' 'Norbert, wohin gehst Du?' Norbert hörte den Ruf, verstand ihn und kehrte um. Von jetzt an suchte er Gott und hörte auf seinen Auftrag. Seine neuen Ideale waren Armut, Reinheit, Frömmigkeit und Gehorsam.

Auf langer Suche nach dem geeigneten, von Gott gewollten Gründungsort für seinen neuen Orden begab sich Norbert von Xanten schließlich ins Gebet vertieft an einen einsamen Ort in einem abgelegenen Tal. Dort auf einer Wiese, umgeben von Sümpfen und Mooren erschien ihm Christus in Gestalt seines schmerzlichst vollbrachten Leidens am Kreuz. Neben dieser Erscheinung war eine Anzahl von herankommenden und diesen Platz andächtig verehrenden Wallfahrer zu sehen. Aus dieser Begebenheit soll,  nach dem Bericht einiger Geschichtsschreiber dieser Ort PRATUM PRAEMONSTRATUM,  frz. Prémontré eine vorgezeigte oder vorgewiesene Wiese genannt worden sein. In dem unwegsamen Tal in der Nähe von Laon gründete Norbert dann Weihnachten 1120 den namentlich abgeleiteten PRAEMONSTRATENSER-Orden (nach Abt Marianus Mayr). Norberts Ideale von Armut und Reinheit, aber auch die Botschaft der Auferstehung des Herrn, die er persönlich erfahren durfte finden Ausdruck in dem naturwoll-weißen Habit der Prämonstratenser. Die neue Klosterkirche in Prémontré war eine Johannes-Kirche.

Der später heilig gesprochene Norbert kam während seiner Romreise 1125/26 an einem kleinen fränkischen Siedlungsort vermutlich aus dem 9. Jh. mit einem steinernen Gaden vorbei, der nahe an den wichtigen Verbindungswegen nach Süden lag.
Dort soll Norbert in einer Vision gesehen haben, dass an diesem Ort in unbekannter Zukunft ein Haus seines Ordens stehen würde. Zwanzig Jahre später verkündete dann an Weihnachten 1146,  am 27. Dezember, Gedenktag Johannes des Evangelisten, Welf VI. die Klostergründung 'in loco, qui dicitur Staingadenem', am 17. April wurde sie beurkundet und dieses Kloster dann dem Prämonstratenser-Orden übergeben. Die  Klosterkirche wurde 1176 Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten geweiht.

Im Zuge der zu Ende gehenden Rodung und Kultivierung des umliegenden Landes durch das Prämonstratenser- Kloster Steingaden wurde im 14. Jahrhundert neben anderen umliegenden Weilern auch die Einöde Wiß gegründet. Benannt wurde sie nach einer dort vorgefundenen, auffallenden Wiese inmitten von Wäldern und Sümpfen.

Der Ursprung des Gnadenbildes

Im Kloster Steingaden war der neue Abt Hyazinth Gassner (1729 -1745) 1730 entschlossen die im Prämonstratenser-Orden vielerorts übliche Karfreitagsprozession auch in Steingaden einzuführen. Dafür forderte er zur Darstellung des geheimnisvollen Leidens des Erlösers eine Bildnis der Geißelung Christi. Zunächst wurde zu diesem Zweck von Pater Magnus Straub ein zwischen verstaubtem Gerümpel schon Jahre zuvor gefundener, nach Bildhauerkunst wohl ausgeformter Kopf wieder hervorgeholt. Auf der Suche nach weiteren Teilen wurde im Dachboden noch ein verstaubter, schlecht ausgearbeiteter Leib und an einem anderen Ort unter ebenfalls abgestellten Sachen Arme und Füße gefunden. Aus drei verstaubten Winkeln wurden die vier unterschiedlichen Körperteile zur Figur des gegeißelten Jesus neu zusammengefügt. Weil die einzelnen Teile aber in ihren Proportionen nicht zusammenpassten, wurde der ganze Leib mit einer Leinwand überzogen, hin und wieder, besonders an den Gliedmaßen mit Werk und Tüchern ausgefüllt, das Haupt mit gemachten Haaren bedeckt und letztlich durch den erfahren Maler und Laienbruder Frater Lucas mit Ölfarben gefasst. Auf diese Weise wurde der Bildnis die Gestalt des gegeißelten Jesus gegeben.

Drei Jahre, von 1732 bis 1734 fand diese Figur in der Karwoche Platz im überdachten Garten des Klosters und wurde bei der Karfreitagsprozession herumgetragen. Wegen ihres geringen Ansehens wurde sie dann aber 1735 in der Kleiderkammer des Klostertheaters abgestellt und auf Bitte hin 1736 dem Klosterwirt übergeben. Dort wurde sie von seinen Kindern übel zugerichtet. Zwei Jahre stand das Bildnis daraufhin beim Maler, ohne dass dieser die ihm aufgetragene Arbeit verrichtet hätte. Trotz des weiterhin üblen Aussehens erbat sich schließlich anno 1738 die verwandte Wißbäuerin Maria Lori die Figur.

 

Die Wallfahrt

 

Am 4. Mai 1738 wurde vom Martin Lori und seinem ältesten Sohn die Figur des Gegeißelten Jesus vom Kloster Steingaden in das einsam gelegene Bauernhaus der Familie Lori in der Wiß getragen.  Nicht nur die Bäuerin Maria Lori mit ihren Kindern, sondern auch die Haustiere und sogar der wildlebende Fuchs warten auf das Bildnis. Über allem, Mensch, Tier und Schöpfung liegen das vom Gnadenbild ausgehende Licht und sein Segen.

(Vor wenigen Jahren hat glücklicherweise dieses Übertragungsbild den Weg zurück in die Wies gefunden. Vielleicht nicht unbedingt künstlerisch wertvoll, aber sehr bedeutsam als Zeugnis der inneren Geisteshaltung der einfachen Menschen die hier in dieser Zeit lebten.)

Nur wenige Wochen später - der Überlieferung nach war es Samstag Abend der 14. Juni 1738, und der darauf folgende Sonntag in der Früh - sah die Bäuerin Maria Lori während des andächtig verrichteten Gebetes in den Augen des gegeißelten Jesus einige Tropfen, die sie für Maria Lori, WiesbäuerinTränen hielt. Maria Lori vertraute sich bereits am nächsten Tag ihrem Beichtvater und dem Prälaten an. Sie geboten ihr Stillschweigen. Der weitere Werdegang sollte abgewartet werden. Dennoch kamen bald erste Wallfahrer aus der nahen Umgebung in die Wiß. Immer wieder ereigneten sich in der Folge Gebetserhörungen im Zusammenhang mit dem Bildnis des Gegeißelten Heilandes. Im Winter 1739/40 wurde deshalb eine kleine Feldkapelle neben dem Haus der Familie Lori gebaut und dort die Figur des gegeißelten Jesus aufgestellt. Die öffentliche Andacht des Gnadenbildes nahm damit ihren Anfang und die Wallfahrt zum 'Gegeißelten Heiland auf der Wiß' unaufhaltsam ihren Lauf. Die Kunde von erlangter Hilfe, die immer wieder in vielfältiger Weise von dem Gnadenbild ausging verbreitete sich zusehends.

Die kleine Kapelle - noch heute am Parkplatz stehend - und sogar der später hinzugefügte hölzerne Anbau konnte die vielen Wallfahrer längst nicht mehr fassen, so dass Abt Hyazinth Gassner sich auf Drängen des gläubigen Volkes hin entschloss eine große Wallfahrtskirche bauen zu lassen. Bereits 1745 erteilte Abt Hyacinth an Dominikus Zimmermann den Auftrag zum Bau der Wallfahrtskirche ohne jedoch zuvor alle behördlichen Genehmigungen eingeholt zu haben. 'Origo sub illo' - der Ursprung von Wallfahrt und Kirche fiel unter Abt Hyacinths Regierungszeit. Für das Gnadenbild des 'Gegeißelten Heilandes' wurde die Wieskirche konzipiert und gebaut. Es ist anzunehmen,  dass dieser von  tiefer persönlicher Frömmigkeit und pastoraler Sorge geprägte Abt und Theologe das tiefsinnige theologische Bildprogramm der Wieskirche entworfen hat. Am 28. März 1745 verstarb er.

Am 16. Mai 1745 wurde Nachfolger Marianus II. zum Abt gewählt. Die offizielle Grundsteinlegung, ein Teil des Prälatenhauses war da bereits gebaut, erfolgte am 10. Juli 1746. Abt Marianus Mayr realisierte schließlich den begonnenen kostspieligen Bau der Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wiß.

Im ersten Mirakelbuch von 1746 der 'neu entsprossene Gnadenblum auf der Wiß' wurden die vielfältigen Gebetserhörungen und Guttaten bis zum Bau der Wieskirche dokumentiert. In der Zuschrift des 1. Mirakelbuches verweist Abt Marianus Mayr auf folgende Parallele: Der Gnadenort in der Wiß zeigt bei genauerer Betrachtung eine gewisse Gleichheit mit dem Entstehungsort des Ordens: Wie Prémontré war auch diese Wiß genannte Einöde ein vorher unbekannter, abgelegener, von Sümpfen und Mooren umgebener Ort. In der Wiß steht in der Tat das Bildnis der schmerzhaften Geißelung Christi, zu der viele andächtige Wallfahrer kommen. In Anbetracht göttlicher Vorsehung kann der neue Gnadenort Wiß als PRATUM SEKUNDUM PRAEMONSRATUM, eine zweite, oder andere vorgewiesene Wiß genannt werden.

Eine Kirche mit einem einzigartigen Zusammenspiel von Bauwerk, Kunst, Licht und Theologie ist auf dieser 'zweiten Wiß' um das Gnadenbild des Gegeißelten Heilands herum entstanden. Am 31. August 1749 wurde das Gnadenbild feierlich von der Feldkapelle in den fertigen Chorraum übertragen und am 1. September 1754 konnte die Wieskirche schließlich eingeweiht werden. Sie ist dem Heiligen Joseph geweiht.

Man muss sich einmal bildlich vorstellen, welche Kraft von diesem Gnadenbild damals ausgegangen sein muss, damit in dieser, eine Stunde vom Kloster entfernten, schlecht zugänglichen Einöde, umgeben von Sümpfen und Mooren ein so prächtiges und herrliches Gotteshaus auf Drängen des gläubigen Volkes hin vom Kloster Steingaden geplant und auch wirklich gebaut wurde.

Das 'Necrologium Steingadenense' schließt unter Abt Marianus II. Mayr mit einem Ausblick auf die Segnungen der Wallfahrt zur neu gebauten 'Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wiß'. Man sieht auf dem Bild, wie die Wallfahrer auf dornigen Wegen zur Wieskirche pilgern und wie sie auf Blumenpfaden beglückt heimkehren. Ein Füllhorn  des Segens mit Blüten ergießt sich über der Kirche mit dem Gnadenbild aus Gottes Hand über sie.   

Es entwickelte sich sehr rasch eine Wallfahrtsstätte mit ungeahntem Ausmaß.

In dem Büchlein 'Wahrer Ursprung und Fortgang der Wallfahrt des gegeißelten Heilands auf der Wies' aus dem Jahr 1779 schreibt P. Benno Schröfl, Wallfahrtspriester in der Wies: 'Was soll ich noch mehrer von diesem Gnadenfluß melden, da selber jetzt schon ganz Europa durchströmet, wenn sogar von Petersburg in Rußland, von Gotenburg in Schweden, von Amsterdam in Holland, von Kopenhagen in Dänemark, von Christianenburg (d. i. Oslo) in Norwegen, von Nimes in Frankreich, von Cadiz in Spanien Wallfahrter da gewesen? Was soll ich alle deutschen Provinzen, und andere angrenzende Königreich hersetzen?' (Finkenstaedt, Th. u. H.: Die Wieswallfahrt, Regensburg 1981, S. 150).

Interessant ist, dass der Beginn der Wies-Wallfahrt zeitlich einher geht mit dem Beginn der französischen Revolution und der folgenden Aufklärung, die einen Niedergang der Klöster europaweit, ganz besonders auch des gesamten Prämonstratenser-Ordens zur Folge hatte. Das Gründungskloster in Prémontré wurde dabei bis auf das Hauptgebäude zerstört. Das Prämonstratenser-Kloster in Steingaden wurde am 25. März 1803 aufgelöst und bald darauf wurden bis auf die ehemalige Klosterkirche (das jetzige Welfenmünster) und  ein Teil des Kreuzganges inclusive des jetzigen Pfarrhofs mit der ehemaligen Klosterapotheke die Konventgebäude und die alte Pfarrkirche abgerissen.

1809/10 sollte auch die herrliche Wieskirche nur 55 Jahre nach Ihrer Fertigstellung versteigert und abgerissen werden. Nur durch die jahrzehntelangen hartnäckigen Bemühungen der Gemeinde Fronreiten und ihrer Bauern konnte diese Kirche schließlich erhalten werden! Erst am 30. Juli 1846 wurde die Baupflicht der Wieskirche vom Staat anerkannt. Die Erhaltung der Wieskirche war erst von da an gesichert.

Der Wallfahrt tat dies jedoch keinen Abbruch. 1833 waren alle Innenwände der Wieskirche inzwischen mit den verschiedensten Votivtafeln dicht behangen, wodurch die Kirche einen dunklen Innenraum erhalten hatte. Aus diesem Grund musste im Oktober 1833 Wallfahrtspriester Mühlberger auf Anordnung des Bischofs von Augsburg alle 5.000 bis 6.000 Votivtafeln hinauswerfen und verbrennen lassen. Dabei wanderte das eine oder andere Votivbild in die umliegenden Bauernhäuser. Dieses Verfahren schadete der Wallfahrt weit mehr als alles andere seit der Klosteraufhebung Geschehene. Für lange Jahre verlor das Volk daraufhin die Lust hierher zu wallfahrten und Votivbilder zu stiften. Viele vergaßen dieses unüberlegte Handeln ohne jedes Gespür für die tiefen Empfindungen der Wallfahrer noch nach Jahrzehnten nicht.

Gegenwart

Die Wallfahrt blieb lebendig bis zum heutigen Tag. Mitten unter den Besuchern aus aller Welt ist der stille Beter. Auch die traditionsreichen Wallfahrtsbesuche aus der näheren und weiteren Umgebung erfahren in den letzten Jahren eine Belebung, und neue Wallfahrten entstehen, wie z. B. die Jugendwallfahrt der Region Weilheim-Schongau, wo jedes Jahr weit über 1000 junge Menschen in die Wies kommen.

Inzwischen als Weltkulturerbe international bekannt, liegt die Wieskirche auch heute noch einsam inmitten von Wiesen und Feldern in einer herrlichen Landschaft, umgeben von kleinbäuerlichen Familienbetrieben. Das wertvolle Naturschutzgebiet 'Hochmoore rund um die Wies' grenzt fast unmittelbar an.

 

Vollendetes Rokoko im Einklang mit großer Theologie

In der Wieskirche ist die Kunst des Rokoko zu einer einmaligen Vollendung gereift. Das von den Wessobrunner Gebrüdern Dominikus und Johann Baptist Zimmermann geschaffene Werk wurde vor einigen Jahren von der UNESCO, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, als Weltkulturgut ausgewiesen und hat somit auch in unseren Tagen internationale Anerkennung gefunden.

Bei aller scheinbaren Leichtigkeit des Rokoko ist die Wieskirche doch von einer tiefenInnerlichkeit geprägt und von großen theologischen Themen bestimmt: Im Mittelpunkt der Gegeißelte Heiland Jesus Christus, der Sohn Gottes, der sein Leben für uns Menschen hingibt und Gott Vater darbringt; daraus erwächst Erlösung, Segen und die Herrlichkeit des Himmels. Die Summe dieser Theologie findet sich in dem Gebet nach der Wandlung in der Meßfeier, wo die Mitte unseres christlichen Glaubens zum Ausdruck kommt: 'Deinen Tod, o Herr, verkünden wir (der sich hingebende Gegeißelte Heiland), und deine Auferstehung preisen wir (der auf dem Regenbogen thronende auferstandene, wiederkehrende Herr), bis du kommst in Herrlichkeit' (Thron und Tor zur Ewigkeit).

Alle Welt kommt in die Wies. In ihrer künstlerischen Aussage und in ihrer theologischen Mitte birgt die Wieskirche die große Kraft, den nach Lebenssinn suchenden und nach Orientierung fragenden Menschen unserer Tage im Erleben der 'Frohen Botschaft der Wies' eine ganzheitliche, alle Sinne, Geist und Seele ansprechende Antwort zu geben.

Der alternde Baumeister Dominikus Zimmermann konnte sich von seinem schönsten und reifsten Werk, von seiner Wies, nicht mehr trennen; in dem von ihm erbauten Haus unterhalb der Kirche blieb er bis zu seinem Tod. Zum Dank für die glückliche Vollendung stiftete er ein von ihm selbst gemaltes Votivbild, das den frommen Meister vor dem Gegeißelten Heiland kniend darstellt (signiert D. Z. Ex voto A. 1757).

Jeder Wieswallfahrer und Wiesbesucher ist beglückt von der Köstlichkeit und Harmonie des wunderbaren Liedes, das Zimmermann mit dem Bau der Wieskirche angestimmt hat. Und wenn der Besucher im großen Vierklang von Kunst und Theologie, von Licht und Musik die ganze Schönheit der Wies erlebt, kann er das gleiche erfahren, was der Bauherr der Kirche, Abt Marianus II Mayer, so ausgedrückt hat:


'Hoc loco habitat fortuna, hic quiescit cor.'

'Hier wohnt das Glück, hier findet das Herz Ruhe.'

Den vielen Menschen, die unsere 'Schöne Wies' besuchen, wünschen wir von Herzen die Erfahrung dieses Glückes und des inneren Friedens.

  


 

Würdigung

Die Wieskirche gilt als eine der schönsten Rokokokirchen Süddeutschlands. Ihre Architektur hat einen solchen Höhepunkt erreicht, daß in der kunstgeschichtlichen Literatur häufig vom 'Raum-Wunder' der Wies die Rede ist. Aber es gibt noch ein zweites Wunder in dieser Kirche: obwohl überwiegend ländliche Künstler am Werk waren - Aegid Verhelst und Balthasar Augustin Albrecht sind die Ausnahmen - ist ein Werk von höchster Qualität gelungen. Alle beteiligten Künstler, bis hin zu Anton Sturm und Dominikus Zimmermann, sind gleichsam über sich hinausgewachsen, haben ihre vorausgehenden Leistungen übertroffen.
Sich selbst übertroffen haben auch die Auftraggeber, Abt und Konvent von Steingaden, die weder Mühe noch Kosten gescheut haben, um die Wallfahrtskirche in dieser idealen Form zu verwirklichen. Da gibt es kein Zeichen von Ermüdung, keine Spur von Kleinlichkeit. Selbst bei Paramenten, bei Monstranz und Kelchen zeigt sich noch die geradezu fürstliche Freigebigkeit des Klosters. Als Kirche des 18. Jahrhunderts, dieses rationalistischen Zeitalters, ist die Wies bis in die letzten Einzelheiten durchdacht und bis in den letzten Winkel geformt. Aber dieses Jahrhundert weiß auch das Spiel als freie, ungezwungene Beschäftigung des geistbegabten Menschen zu schätzen; Spiel in diesem hohen Sinn ist ihm selbst das Gnadenwirken Gottes.
Das Tun der Künstler und Theologen in dieser Kirche hat deshalb die Aufgabe, Freude zu verbreiten und zu verkünden, so wie auf einem zeitgenössischen Stich die Wies und ihr Gnadenbild 'unerschöpflicher Brunnen der Barmherzigkeit' genannt werden und der Titel des Mirakelbuches von 1746 'Gnaden-Blum' heißt. Das theologische Programm der Wies sieht als wesentliches Merkmal der Kirche Christi ihren eschatologischen Charakter, das heißt, ihre Aufgabe darf sich nicht auf ein Wirken in dieser Zeit beschränken, ihr Ziel ist vielmehr die Wiederkunft des Herrn, das Himmlische Jerusalem.
Die Wies war nicht nur als Bauwerk in ihrer Zeit eine ganz moderne Kirche, sie war es auch in der theologischen Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist, der diese einsame Wallfahrtskirche bei Steingaden im Jahre 1803 'als ganz unnützes Gebäude' bezeichnet hat, weil er ihre Botschaft, ihren Sinn nicht mehr verstanden hat.
Trotz des drohenden Abbruchs unmittelbar nach der Säkularisation (1803) ist die Wies erhalten geblieben und mit ihr die Möglichkeit einer Gotteserfahrung durch das Schöne und eines einzigartigen Kunsterlebnisses.


 

Zeittafel der Wieskirche

1732

Die Figur des Gegeißelten Heilandes wird bei der Karfreitagsprozession in Steingaden mitgetragen.

1735

Wegen ihres armseligen Aussehens stellt man die Figur zunächst in der Kleiderkammer des Klosters ab
und übergibt sie dann dem Klosterwirt.

1738

Der Gegeißelte Heiland kommt auf den Hof der Bäuerin Maria Lori in der Wies.
Am 14. Juni sieht das Ehepaar Lori Tränen in den Augen des Gegeißelten.

1738-40

Gebetserhörungen und Wallfahrten bewegen zum Bau einer kleinen Kapelle.

1745-54

Bau der Wallfahrtskirche auf der Wies durch Dominikus Zimmermann.
Einzelheiten zum Bau unten auf dieser Seite * 

1803-04

Säkularisation; die Wieskirche soll zum Abbruch versteigert werden.

1811-30

Die Bauern der Umgebung retten durch Bittschriften und persönliche Opfer die Wieskirche.

1946-78

Durch Prälat Alfons Satzger Hebung der Wallfahrt, festliche Gestaltung der Liturgie,
Gründung der Landvolkshochschule Wies.

1983

Neubelebung der 'Bruderschaft zum Gegeißelten Heiland auf der Wies'
durch Bischof Josef Stimpfle, Augsburg.

1985-91

Intensive Befunduntersuchung, Erstellung verformungsgerechter Aufmaße und
eine alle Maßnahmen begleitende Dokumentation. Das nach streng Kinder-
Proletariat Konzept erstrebte Ziel wurde erreicht: Die fast in allen Teilen
unberührte Orginalfassung des 18. Jahrhunderts wieder sichtbar zu machen
(Gesamtkosten der Restaurierung: 10,6 Millionen DM).

1991

Wiedereröffnung der Wieskirche am 5. Mai

 

Durch die Belebung der Wallfahrt (200 Wallfahrtsgruppen im Jahr),
die festliche Gestaltung der Gottesdienste und die Pflege der Kunst
(z. B. Kirchenkonzerte) ist die Wieskirche innerlich lebendig geblieben.

 


 

Künstler, die beim Bau der Wieskirche mitgewirkt haben.

Die Gebrüder Zimmermann zählen zu den größten Künstlern des bayerischen Rokoko. Sie stammen aus dem kleinen Dorf Gaispoint, das zum Kloster Wessobrunn im Landkreis Weilheim-Schongau gehört und schon vor ihnen eine Reihe von Baumeistern, Stukkatoren und Malern des Barock hervorbrachte. In ganz Europa finden wir ihre Werke, von Frankreich bis Polen und Rußland. Die Brüder Zimmermann sind eine reife Frucht dieser großen 'Wessobrunner Epoche'.

Dominikus Zimmermann **
(geboren 1685 in Wessobrunn, gestorben 1766 in seinem Haus neben der Wieskirche) ist Stukkator, Marmorierer und gehört als Baumeister zu den genialsten und berühmtesten Künstlern seiner Zeit. Wohl durch den heimischen Meister Johann Schmuzer ausgebildet, arbeitete er in Füssen bei J. J. Herkomer. 1716 erwarb er das Bürgerrecht in Landsberg. Künstlerische Stationen seines Lebens: Fischingen/Schweiz, Biberbach, Buxheim, Gutenzell, Maria Medingen, Landsberg, Neresheim, Steinhausen, Günzburg u. a. Die Krönung seines Lebenswerkes ist die Wies, die wohl vollkommenste Rokoko-Kirche der Welt, in der er u. a. als Stukkator gearbeitet hat.

Johann Baptist Zimmermann **
Bruder von Dominikus (geboren 1680 in Wessobrunn, gestorben 1758 als Hofmaler in München), ist einer der gefragtesten Freskomaler und Stukkatoren seiner Zeit. Werke von ihm in Andechs, Schloß Nymphenburg, Wemding, Weyarn, Stift Herrenchiemsee u. a. Orten. Er malt die Deckenfresken der Wieskirche, deren theologisches Programm von Heilung, Vergebung und Vollendung wohl von den Steingadener Chorherren inspiriert ist.

Balthasar August Albrecht
(1687-1765): Münchner Hofmaler, Schöpfer des Altarbildes 1753/54.

Anton Sturm
(1690-1757): Die vier abendländischen Kirchenväter an den Säulenpaaren des Kirchenschiffes und die Figuren der Seitenaltäre.

Ägidius Verhelst **
(1696-1749): Die vier Evangelisten und zwei Propheten des Hochaltares.

Joseph Mages
(1728-1 769): Südliches Seitenaltarbild.

Johann Georg Bergmüller **
(1696-1762): Nördliches Seitenaltarbild


Die Wieskirche als UNESCO Weltkulturerbe **

Link zu anderen UNESCO Kulturgütern **

 

 *

1740

Bau der kleinen Kapelle, in welcher das Gnadenbild aufgestellt wird.
Diese wird am 17. März 1744 geweiht. Der Abt von Steingaden liest die erste Hl. Messe.

1745

Baubeginn der Wieskirche und des Wohnhauses  zur Betreuung der Wallfahrer.
Am 9. April 1749 werden 5 Patres dafür bestellt.

1749

Am 31. August wird das Gnadenbild feierlich in das halbfertig gestellte, neue Gotteshaus übertragen.
Der erste Bauabschnitt,  der dem heutigen Chorraum entspricht, ist fertig.

1749

- 1754 Bau des Kirchenschiffs

1754

Feierliche Einweihung der Wieskirche

1756

werden die beiden Seitenaltäre errichtet zu Ehren des Hl. Petrus und der Hl. Magdalena.
Ersterer wird 1758, letzterer 1759 mit Farbe gefaßt und vergoldet vom Steingadener Maler Thaddäüs Rhamis.

1757

erhält die Wieskirche eine große Orgel.

1758

Der Hochaltar wird mit einem großen Baldachin ausgestattet.

1803

Die Kirche wird geschlossen.

1823

wurden  die Deckenfresken renoviert.

1831

größere Instandsetzungsarbeiten wie z. B. Reparaturen am Kirchendach und an den Kirchenfenstern
sowie Ausbesserungsarbeiten am Hauptfresko

1903
-1907

Restaurierung der Raumschale und der Deckenbilder

1949

Verschiedene Ausbesserungen an den Dekorationen des Innenraumes

1964-
1966

Renovierung der Außenfassade

1971

Ausbesserungsarbeiten an den Deckenbildern

ab 1985

siehe oben in der Haupttabelle

 


 

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