Die Orgel der Wieskirche wurde in den Jahren 2009 und 2010
umfassend renoviert bzw. in großen Teilen erneuert.

Die neue Orgel der Wieskirche

Dominikus Zimmermann hat den Klangkörper der Orgel in der Wies mit einem Einfühlungsvermögen ohnegleichen in die Gesamtarchitektur eingefügt, indem der Rokokoprospekt das Oval des Raumes im Westen schließt.
Das erste Orgelwerk wurde von Johann Georg Hörterich im Jahre 1757 als zweimanualige Schleifladenorgel gebaut. Durch die Jahrhunderte hindurch erfuhr die Orgel vielfache Veränderungen und Erneuerungen (z. B. 1928 durch die Fa. Siemann, 1959 durch die Fa. Gerhard Schmid). Wegen technischer Unzuverlässigkeiten und großen Verschleißerscheinungen wurde eine Renovierung dringend notwendig.
Das große Werk der neuen Wies-Orgel ist großartig gelungen, konzipiert und errichtet durch die Fa. Orgelbau Claudius Winterhalter aus Oberharmersbach.
Dr. Nikolaus Könner vom Landesamt für Denkmalpflege schreibt in seinem Beitrag für die Festschrift zur Orgelweihe am 19. September 2010: Die neue Orgel der Wieskirche setzt in mehrfacher Hinsicht Maßstäbe: So ist es gelungen, den überlieferten Denkmalbestand der barocken Hörterich-Orgel systematisch und konsequent zu erhalten. Der wertvolle barocke Orgelbestand wurde nicht einfach einem Neubaukonzept untergeordnet, sondern bildet in seiner ganz spezifischen klanglichen Eigenschaft den Kern und die vorbildliche Grundlage für das technisch neu entstandene Orgelwerk. Das Ergebnis ist ein gediegenes Instrument, welches die Errungenschaften des zeitgenössischen Orgelbaus adäquat mit einbezieht. Es ist an die ursprüngliche Klangwelt der Wieskirche herangereicht und lässt jene Harmonie zwischen Kirchenraum und Orgelklang wieder neu eindrucksvoll erleben.
Im 2. Beitrag weiter unten 'Zur neuen Wies-Orgel'  wird in einem Interview von Dr. Markus Zimmermann mit Orgelbaumeister Claudius Winterhalter und Intonateur Alois Schwingshandl die neue Wiesorgel vorgestellt.
In meiner langjährigen pastoralen Tätigkeit als Pfarrer der Wieskirche ist es zu einem wunderbaren und klangvollen Höhepunkt gekommen: Ich darf erleben, wie die Wies mit der 'Neuen Orgel' noch vollendeter und vollkommener schwingt und klingt:

Das Kunstwerk ist großartig gelungen.

Ich möchte ein vielfaches „Danke“ sagen: der Orgelbauwerkstätte Claudius Winterhalter, dem Orgelkomitee, der Kirchenverwaltung und vor allem den zahlreichen Spendern, ohne die das umfangreiche Orgelwerk nicht hätte umgesetzt werden können: allen ein ganz herzliches Vergelt`s Gott!“
Jeder Wies-Wallfahrer und Wies-Besucher wird beim Spiel der Orgel beglückt von der Köstlichkeit und Harmonie des wunderbaren Liedes, das Zimmermann mit dem Bau der Wieskirche angestimmt hat. Und wenn der Besucher im großen Vierklang von Kunst und Theologie, von Licht und Musik die ganze Schönheit der Wies erlebt, kann er das Gleiche erfahren, das der Bauherr der Kirche, Abt Marianus II Mayer, so ausgedrückt hat: „Hoc loco habitat fortuna, hic quiescit cor“ (Hier wohnt das Glück, hier findet das Herz seine Ruh`). Den vielen Menschen, die unsere schöne Wies besuchen, wünsche ich von Herzen die Erfahrung dieses Glückes und des inneren Friedens.

Prälat Georg Kirchmeir
Wallfahrtspfarrer
Custos der Wieskirche bis Sommer 2012

 


Orgelbaumeister Claudius Winterhalter und Intonateur Alois Schwingshandl
im Gespräch mit Dr. Markus Zimmermann

Zur neuen Wies-Orgel

Herr Winterhalter, wie kam es überhaupt zu diesem außergewöhnlichen Orgelprojekt in einer der wichtigsten Wallfahrtskirchen, deren einmaliges Ensemble zum Weltkulturerbe gehört?

Claudius Winterhalter: Die Anfrage aus dem Jahr 2007 hat mich erstaunt und zugleich berührt. Zufällig war ich kurz zuvor im Pfaffenwinkel unterwegs und sinnierte – ohne die konkreten Pläne der Verantwortlichen zu kennen – über einen Orgelbau in dieser großartigen Kirche. Seit einigen Jahren bringt zudem Alois Schwingshandl bei uns als Intonateur seine klangbildnerische Begabung ein. Er stammt aus dieser Gegend. Das war ein zusätzlicher Anreiz für mich, um das Vertrauen der Verantwortlichen zu werben. Es passte einfach alles zusammen – und wir erhielten tatsächlich den Auftrag. Ich hatte gerade in Salzburg zu tun, als ich von der Entscheidung überrascht wurde. Natürlich war ich überglücklich. An einem so begnadeten Ort wirken zu dürfen, ist für mich die Krönung meines bisherigen Schaffens.

Können Sie uns schildern, wie es vom anfangs recht unbestimmten Begriff der ‚Orgelerneuerung’ zur jetzigen Lösung kam?

Claudius Winterhalter: Der Weg dahin war nicht einfach. Zunächst wurden drei Extreme diskutiert: die Restaurierung und Teilerneuerung der vorhandenen Orgel von 1959/1980, dann ein überfrachtetes Neubaukonzept voller Organisten-Sonderwünsche sowie die Idee einer sklavischen Rückführung auf einen zu minimalistischen, obendrein nicht gesicherten Urzustand von 1757. Der Durchbruch kam mit der Idee einer neuen „Winterhalter-Orgel“ als konsequente Erweiterung des historischen Kerns auf drei Manuale und Pedal.

Was sollte die Orgel schließlich können, was war das Ziel?


Claudius Winterhalter: Darin lag eben die Schwierigkeit, die teilweise weit auseinander liegenden Interessen der Beteiligten unter einen liturgisch, denkmalpflegerisch und ästhetisch vertretbaren „Hut“ zu bringen. Selbstverständlich war jegliche Substanz von 1757 zu respektieren und das Erscheinungsbild im Raumkontext zu wahren. Vor allem aber sollte ein Instrument entstehen, das den gottesdienstlichen Anforderungen einer Wallfahrtskirche gerecht würde. Das heißt: Es muss klanglich so flexibel sein, dass vom zartesten Vorsänger bis hin zum mächtigen Gemeindegesang aus 800 Kehlen alles perfekt begleitet werden kann. Der Organist fungiert sozusagen als Dirigent eines ständig wechselnden Chores. Zudem muss das Werk – auch wegen der vielen Gastorganisten – sofort durch seine innere Logik überzeugen, leicht bedienbar sein und eine hochrangige Konzerfähigkeit aufweisen.

Was fanden Sie an verwendbarer Substanz vor?

Claudius Winterhalter: Neben dem zerschnittenen Rokokogehäuse bot sich die seltene Chance, die Prospektpfeifen zu übernehmen. Wie einige Innenpfeifen stammen sie aus der ersten Wies-Orgel von Johann Georg Hörterich aus dem Jahr 1757. Einige hochwertige Pfeifen konnten wir aus dem Umbau durch Willibald Siemann von 1928 übernehmen. Für die Substanz von Gerhard Schmid (1959 und 1980) gab es nur wenig Verwendung. Aus Erzählungen erfuhren wir, dass es in der heute von seinem Sohn Gunnar Schmid geleiteten Werkstatt in Kaufbeuren weiteres Hörterich-Material geben sollte. In der Tat fanden wir dort u.a. überraschend viele Metallpfeifen.

Wie fügten Sie diese inhomogene Substanz zu einem schlüssigen Orgelwerk zusammen?

Claudius Winterhalter: Die genannten Tatsachen lagen ja nicht alle zur selben Zeit auf dem Tisch; vieles ergab sich erst wesentlich später, als schon die Planungen liefen. Zunächst schieden die Denkmodelle einer fiktiven Rückführung auf den Stand von 1757 und die Restaurierung des „gewachsenen“ Zustands aus; letzteres war durchaus eine Überlegung, da die Orgel von 1959 technisch wie klanglich für die damalige Zeit bemerkenswert war. Es kristallisierte sich immer deutlicher eine Lösung heraus, bei der die süddeutsche Barocktradition im Mittelpunkt stehen sollte.



Spieltisch

Herr Schwingshandl, was bedeutet süddeutsche Tradition?

Alois Schwingshandl: Die süddeutsche Orgel im 18. Jahrhundert bestand aus einem Prinzipalchor mit Klangkronen für das volle Werk und einem schwach besetzten Pedal für Haltetöne. In der Regel wurde mit diesen Instrumenten Gemeinde- und Chorgesang begleitet. Solistische Orgelmusik wurde vor allem in Klöstern aufgeführt, weshalb man den Fundus mit charakteristischen Flöten und Streicherstimmen erweiterte. Hörterichs Wies-Orgel war für ländliche Verhältnisse damals zwar komfortabel, besaß aber kein Zungenregister. In Polling baute Hörterich eine Vox humana, die er wohl bei Carl Joseph Riepp aus der französischen Tradition kennen gelernt hatte. Auch diese bei vielen Orgelfreuden geheimnis - umwitterte „Menschenstimme“ sollte in der neuen Wies-Orgel nicht fehlen.

Was ist das Besondere daran?

Alois Schwingshandl: Aus heutiger Sicht ist es eine Chimäre. Schon im 18. Jahrhundert experimentierten Joseph Gabler und andere mit diesem heiklen Register und verfolgten ein nur vage erkennbares Ziel mit wechselnden Erfolgen. Originalexemplare sind kaum erhalten, so dass wir dieses Register empirisch neu entwickeln mussten, was umfangreiche Studien und viel Zeit verlangte. Die Vox humana wird die Farbpalette der neuen Orgel auf markante Art bereichern.

Wie gingen Sie vor, um das Phänomen ‚süddeutsche Orgel’ zu erfassen?

Claudius Winterhalter: Als „süddeutschem“ Orgelbauer sind mir wesentlichen Grundlagen dieses Typus bekannt. Auch haben wir eine Klangreise zu Orgeln aus der Mitte des 18. Jahrhunderts unternommen: Ettal, Benediktbeuren, Landsberg, Irsee, u. a. Diese Instrumente sind materiell fast original erhalten und vor allem klanglich hoch interessant, auch wenn sie teilweise verändert wurden. Sie entwickeln einen bestimmten „Sound“, an dem wir unser Gehör trainiert haben, um ihn soweit wie möglich zu verinnerlichen.

Wie haben Sie diese Erkenntnisse auf die Wies-Orgel übertragen?

Alois Schwingshandl: Die Erkenntnisse aus der Klangreise haben wir technisch wie musikalisch analysiert. Technisch bedeutet, die Bauform und Behandlung von Pfeifen genau zu vergleichen. Musikalisch bedeutet, dass wir stets nach der Funktion des Registers innerhalb des Tonsatzes fragten. – Danach haben wir die Originalpfeifen sortiert und fehlende Töne baugleich ergänzt. Zwischenzeitliche Veränderungen am historischen Pfeifenwerk haben wir belassen, sofern sie sich in die Klangästhetik einer süddeutschen Orgel einfügten. Es wäre nicht vertretbar gewesen, mit großem Aufwand auf einen unsicheren Zustand hin zu rekonstruieren – und womöglich ein unbefriedigendes Ergebnis zu erhalten.

Wie gestalteten Sie die Ergänzungen und die zusätzlichen Register?

Alois Schwingshandl: Wir haben versucht, aus dem Klangvorrat süddeutscher Barockorgeln zu schöpfen ohne einfach zu kopieren. Dabei zeigte sich, dass er in den feinen Schattierungen von Farbe und Dynamik schon sehr nahe an die Vorstellung der Romantik heranreicht. Demzufolge haben wir alle Ergänzungen und Zutaten ebenfalls aus dem „Klangbaukasten“ süddeutscher Orgeln gewählt. So wurde das dritte Werk ein Echo, wie es in vergleichbaren Orgeln vorkommt. Es steht hinter dem Hauptgehäuse und ist reichhaltig ausgestattet. Durch den Tonumfang von C bis g3 und bewegliche Klangabstrahlungs-Elemente im Echowerk bietet der komplettierte süddeutsche Fundus erheblich mehr Möglichkeiten für das Literaturspiel.

Herr Schwingshandel, was ist Intonation?

Alois Schwingshandl: Das ist quasi der Gesangsunterricht für jede einzelne der 2.892 Orgelpfeifen: Jeder Ton wird in Klangfarbe, Intensität und Sprachverhalten exakt eingestellt. Dabei genügt nicht ein möglichst perfekter Ausgleich; das ergäbe ein steriles Klangbild – destilliertem, keimfreiem Wasser vergleichbar. Unser Ziel ist ein lebendiger, natürlicher Klang, der (um im Bild zu bleiben) Mineralstoffe enthält – ein leichtes Zischen am Anfang oder minimalste Reibungen. Einen solchen Klang kann man mit dem Gehör verkosten. Und schließlich bilden wir ja nicht ein paar Tausend Solisten aus; vielmehr soll sich jede einzelne Orgelpfeife in alle erdenklichen Register-Ensembles harmonisch einfügen. Besonders schön war, dass der „Unterricht“ in diesem Fall auch umgekehrt stattfand: Die historischen Orgelpfeifen lehrten uns, was zu tun und vor allem was zu lassen sei.

Was hat sich an der Orgel-Anlage gegenüber dem Vorgängerinstrument geändert?

Claudius Winterhalter: So ziemlich alles. In der Ära Gerhard Schmid herrschte gegenüber heute in vielem eine andere Auffassung. Auch wenn die frühere Wies-Orgel einen gewissen Nimbus besaß, hätte eine wie auch immer geartete „Mitverwertung“ zu keinem homogenen Ergebnis geführt. Natürlich musste das unten im Hauptgehäuse eingepferchte Schwellwerk entfernt werden. Und der Schmidsche Spieltisch von 1958 glich einem amerikanischen Straßenkreuzer, der falsch geparkt war und eine Menge Platz verbrauchte. Nach dem Entkernen der Orgelanlage haben wir die beschädigten Gehäuse von Hauptwerk und Brüstungspositiven behutsam stabilisiert und ergänzt. Hinter dem Hauptgehäuse entstand ein passender Anbau, in dem wir das neue Echo und das Pedalwerk unterbringen konnten. Alle Windladen wurden neu gebaut. Dabei haben wir die Register nach historischem Vorbild so positioniert, wie sie als Klanggruppen bevorzugt zusammen gespielt werden – wie in einem Orchester. So erreichten wir das geschlossene Klangbild im Plenum.



Traktur

Wie lässt sich eine so komplexe Anlage mit 42 Registern steuern?

Claudius Winterhalter: Bei Instrumenten dieser Größe wird heute stets zweigleisig gefahren. Man spricht von dualen Systemen. Einerseits haben wir den Funktionen nach eine rein mechanische Orgel gebaut, wo alles nach den Hebelgesetzen konstruiert ist, jederzeit reparierbar, ohne Ersatzteilprobleme. Obwohl hier bestimmte Teile aus Karbon bestehen, handelt es sich im Grunde um die gleiche Mechanik, wie es sie schon in der Barockzeit gab. Zum anderen gibt es elektrische und elektronische Additive der neuesten Generation für eine integrierte, computergestützte Schaltung und Speicherung tausender Klangvariationen, was vor allem von Konzertorganisten sehr geschätzt wird. – Die gesamte Steuerung läuft in einem dreimanualigen Spieltisch zusammen. Auch hier wurde wieder entdecktes Originalmaterial von 1757 eingearbeitet. Orgelbaumeister Gunnar Schmid hat der Wies-Gemeinde großzügigerweise aus seinem Lagerbestand das weitgehend vorhandene Originalgehäuse des Ur-Spieltisches überlassen. Die daraus jetzt neu kreierte Spielanlage ist kein nostalgisches Stilmöbel, sondern ein hoch funktionaler Organisten-Arbeitsplatz des 21. Jahrhunderts mit Stilmitteln aus der Ästhetik des süddeutschen Barock.

Wie würden Sie nun die neue Wies-Orgel charakterisieren?

Claudius Winterhalter: Sie hat alle Merkmale einer üppig dimensionierten süddeutschen Barockorgel, extrahiert aus der Synthese verschiedener Referenz-Instrumente. Klassische Hemmnisse wie kurze Oktave, starre Mensuren oder technische Defizite wurden durch stilgerechte Zubauten ergänzt. Hinzugekommen sind einige neue Register, vor allem Zungenstimmen aus dem Fundus der französischen Orgel wie auch Riepp sie baute.

 

Blick in das Innere der Orgel

Was ist Ihr Fazit dieses Orgelbaus?

Claudius Winterhalter: Zweifellos gehört die Genese der neuen Wies-Orgel zu den denkwürdigsten Projekten in meinem fast 40jährigen Orgelbauerleben. Die steinige Strecke von den etwas chaotischen Anfängen über die ständig wechselnden Konzepte bis zur jetzigen Klarheit erschien mir manchmal wie ein endloser Jakobsweg. Doch die vielen gedanklichen und planerischen Zwischenstufen haben uns Schritt für Schritt weitergebracht und uns schließlich die Grundlagen für eine ungewöhnliche Orgel in einem einzigartigen Kirchenraum beschert. Überzeugende Lösungen fallen eben auch in der „Wies“ nicht einfach vom weißblauen Himmel!

Alois Schwingshandl: Diese Wies-Orgel kann und will ihre altbayerischen Wurzeln nicht verleugnen, aber sie spricht auch viele andere Sprachen – freilich mit leicht bayrischem Akzent!

Claudius Winterhalter: An dieser Stelle möchte mich bei allen bedanken, ohne deren ideelle und materielle Unterstützung ein solches Projekt nicht möglich wäre. Mein ganz besonderer Dank gilt Herrn Prälat Georg Kirchmeir und Organist Anton Guggemos, deren Vertrauen in unsre Arbeit mir und der Werkstatt-Crew den notwendigen Rückhalt gab.

Dr. Markus Zimmermann ist Musikwissenschaftler und Organist.
Er lebt und arbeitet in Freiburg i.Br.


Zum Grundriss  und zur Disposition

        (Es öffnet sich je eine PDF-Datei)